Sie fragen mich wo ich stehe? Ich stehe nirgendwo. Nicht etwa, weil ich besonders originell sein möchte,     es ergibt sich immer so, dass ich irgendwie nicht hinein passe.  Hannah Arendt        KONZEPT.   Religionen manifestieren sich für den Menschen in der Welt als sinnlich wahrnehmbare Phänomene. Wer verstehen will, was Religionen ausmacht, bekommt es zunächst mit Räumen, Ritualen, Texten, Bildern, Klängen, Gesten, Berührungen, mit Geschmäckern, sogar mit Gerüchen zu tun und erst dann mit ausformulierten Lehren und Weltanschauungen. „Die Erkenntnisse auf die sie gehen“, so der Philosoph und Autor Navid Kermani, „werden durch sinnliche Erfahrungen mehr als durch gedankliche Überlegungen hervorgerufen, sind ästhetischer eher als diskursiver Art. Die Vorgänge, die ihre Praxis ausmachen, sind keine Lehrveranstaltungen, vielmehr Ereignisse, die den Menschen physisch nicht weniger als geistig bewegen.“  Dennoch findet das Gespräch der Religionen gegenwärtig vor allem auf der kognitiven Ebene der Lehren und Weltanschauungen in Form eines Vergleichs unterschiedlicher Lehrmeinungen und systematischen Positionen statt, während die primären Quellen religiöser Identität und die eigentlichen Kontaktpunkte religiösen und gesellschaftlichen Zusammenlebens, eben die ästhetischen Ausdrucksgestalten der Religionen, eine untergeordnete Rolle spielen. Diese ästhetische Ebene will die Veranstaltungsreihe Ästhetik der interreligiösen Begegnung erfahrbar machen.   Aber was hat ÄSTHETIK mit Religion zu tun? Und Religion mit KUNST? Und Kunst mit WISSENSCHAFT? Und Wissenschaft mit SPIRITUALITÄT? Und Spiritualität mit KULTURen der Welt?   Nonverbale Quellen werden bislang nur selten in die religionswissenschaftlichen Untersuchungen einbezogen und ihre Bedeutung oft marginalisiert. Bis heute liegt der Schwerpunkt der religions- und kulturwissenschaftlichen Arbeit vornehmlich auf der Untersuchung von Texten, doch gerade im Bereich der Gegenwartsreligion darf die Bedeutung nicht-schriftlicher alltagsreligiöser Praxis und kultureller Handlungen, also alles was jenseits rein kognitiver Inhalte liegt, nicht unterschätzt oder gar ignoriert werden. Denn genau hier wird deutlich, dass Religion und Kultur eben besonders durch ihre Formen, Gerüche, Klänge, Rituale, Rezitationen, Performances und eine Vielzahl weiterer religiöser Genres vermittelt und erlebt wird und darin ein wahrer erkenntnistheoretischer Mehrwert zu finden ist. Im Bereich der Religionsästhetik werden unterschiedliche Sinne angesprochen, um durch taktile Reize und eigene Körpererfahrungen ein tieferes Verständnis für religiöse Riten und fremde Kulturen zu schaffen. Das sinnlich Wahrnehmbare an Kultur wird herausgestellt und somit der Mensch als Ganzer aktiviert. Symbole und Zeichen, die als Verweis auf dogmatische Lehren funktionieren, haben eine eigene sinnlich erfahrbare Ebene, die in ihrer Wirkung zu einem tieferen Verständnis und einer umfangreicheren Wahrnehmung beitragen und Bindung ebenso wie Zugehörigkeit stärken.  Darüber hinaus schaffen sie Verbindungen zwischen Kulturen, die eine allein semantische Vermittlung kultureller und religiöser Inhalte nicht gewährleisten kann. Der Mensch muss vornehmlich als ein sinnlich wahrnehmbares und sinnlich wahrzunehmendes Wesen gesehen werden und nicht als bloßer Rezipient. Er entwickelt sich in der kreativen Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. Ästhetische Bildung versteht sich daher nicht in erster Linie als Wissensaneignung, sondern als Ergebnis sinnlich wirksamer Erfahrungen, die selber Quelle von Wissen und Erkenntnis sein können. Ästhetik der interreligiösen Begegnung nimmt weniger eine bestimmte Methode oder Theorie in den Blick, sondern eröffnet in räumlichen, sozialen und kulturellen Begegnungen eine Schnittstelle zwischen Text und Körper, Bild und Sprache, Imagination und Handlung. Durch die Begegnung neuer, anfangs oft konkurrierender Vorstellungs- und Wahrnehmungswelten können „dritte Räume“ geschaffen werden, in denen das Neue und Fremde gesehen, gehört, sogar geschmeckt und gerochen werden kann. Gerade im Hinblick auf unsere multikulturelle Wirklichkeit und das säkulare Selbstverständnis Berlins hat das Projekt mit seinem ästhetischen Fokus das Potential, Einstellungen zu hinterfragen und eine transformative Wirksamkeit zu entfalten.                    

 

Sie fragen mich wo ich stehe? Ich stehe nirgendwo. Nicht etwa, weil ich besonders originell sein möchte,
es ergibt sich immer so, dass ich irgendwie nicht hinein passe.  Hannah Arendt

 

KONZEPT.  Religionen manifestieren sich für den Menschen in der Welt als sinnlich wahrnehmbare Phänomene. Wer verstehen will, was Religionen ausmacht, bekommt es zunächst mit Räumen, Ritualen, Texten, Bildern, Klängen, Gesten, Berührungen, mit Geschmäckern, sogar mit Gerüchen zu tun und erst dann mit ausformulierten Lehren und Weltanschauungen. „Die Erkenntnisse auf die sie gehen“, so der Philosoph und Autor Navid Kermani, „werden durch sinnliche Erfahrungen mehr als durch gedankliche Überlegungen hervorgerufen, sind ästhetischer eher als diskursiver Art. Die Vorgänge, die ihre Praxis ausmachen, sind keine Lehrveranstaltungen, vielmehr Ereignisse, die den Menschen physisch nicht weniger als geistig bewegen.“  Dennoch findet das Gespräch der Religionen gegenwärtig vor allem auf der kognitiven Ebene der Lehren und Weltanschauungen in Form eines Vergleichs unterschiedlicher Lehrmeinungen und systematischen Positionen statt, während die primären Quellen religiöser Identität und die eigentlichen Kontaktpunkte religiösen und gesellschaftlichen Zusammenlebens, eben die ästhetischen Ausdrucksgestalten der Religionen, eine untergeordnete Rolle spielen. Diese ästhetische Ebene will die Veranstaltungsreihe Ästhetik der interreligiösen Begegnung erfahrbar machen.

Aber was hat ÄSTHETIK mit Religion zu tun? Und Religion mit KUNST? Und Kunst mit WISSENSCHAFT? Und Wissenschaft mit SPIRITUALITÄT? Und Spiritualität mit KULTURen der Welt?

Nonverbale Quellen werden bislang nur selten in die religionswissenschaftlichen Untersuchungen einbezogen und ihre Bedeutung oft marginalisiert. Bis heute liegt der Schwerpunkt der religions- und kulturwissenschaftlichen Arbeit vornehmlich auf der Untersuchung von Texten, doch gerade im Bereich der Gegenwartsreligion darf die Bedeutung nicht-schriftlicher alltagsreligiöser Praxis und kultureller Handlungen, also alles was jenseits rein kognitiver Inhalte liegt, nicht unterschätzt oder gar ignoriert werden. Denn genau hier wird deutlich, dass Religion und Kultur eben besonders durch ihre Formen, Gerüche, Klänge, Rituale, Rezitationen, Performances und eine Vielzahl weiterer religiöser Genres vermittelt und erlebt wird und darin ein wahrer erkenntnistheoretischer Mehrwert zu finden ist. Im Bereich der Religionsästhetik werden unterschiedliche Sinne angesprochen, um durch taktile Reize und eigene Körpererfahrungen ein tieferes Verständnis für religiöse Riten und fremde Kulturen zu schaffen. Das sinnlich Wahrnehmbare an Kultur wird herausgestellt und somit der Mensch als Ganzer aktiviert. Symbole und Zeichen, die als Verweis auf dogmatische Lehren funktionieren, haben eine eigene sinnlich erfahrbare Ebene, die in ihrer Wirkung zu einem tieferen Verständnis und einer umfangreicheren Wahrnehmung beitragen und Bindung ebenso wie Zugehörigkeit stärken.

Darüber hinaus schaffen sie Verbindungen zwischen Kulturen, die eine allein semantische Vermittlung kultureller und religiöser Inhalte nicht gewährleisten kann. Der Mensch muss vornehmlich als ein sinnlich wahrnehmbares und sinnlich wahrzunehmendes Wesen gesehen werden und nicht als bloßer Rezipient. Er entwickelt sich in der kreativen Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. Ästhetische Bildung versteht sich daher nicht in erster Linie als Wissensaneignung, sondern als Ergebnis sinnlich wirksamer Erfahrungen, die selber Quelle von Wissen und Erkenntnis sein können. Ästhetik der interreligiösen Begegnung nimmt weniger eine bestimmte Methode oder Theorie in den Blick, sondern eröffnet in räumlichen, sozialen und kulturellen Begegnungen eine Schnittstelle zwischen Text und Körper, Bild und Sprache, Imagination und Handlung. Durch die Begegnung neuer, anfangs oft konkurrierender Vorstellungs- und Wahrnehmungswelten können „dritte Räume“ geschaffen werden, in denen das Neue und Fremde gesehen, gehört, sogar geschmeckt und gerochen werden kann. Gerade im Hinblick auf unsere multikulturelle Wirklichkeit und das säkulare Selbstverständnis Berlins hat das Projekt mit seinem ästhetischen Fokus das Potential, Einstellungen zu hinterfragen und eine transformative Wirksamkeit zu entfalten.