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INTERRELIGIÖSE BILDBETRACHTUNG

in der GEMÄLDEGALERIE

Madonna in der Kirche, Jan van Eyck

Buddhistische Nonne Shifu Simplicity, Miao Fa Zentrum für Meditation und Chan-Buddhismus I Amina Avdovic I Claudia Reinhardt

Moderation: Andreas Feldtkeller

  • 30.05.2019 I 13:00 – 16:00 Uhr Christi Himmelfahrt

  • Gemäldegalerie Berlin, Am Kulturforum

  • um Anmeldung wird gebeten: kunstplanbau@web.de

Madonna in der Kirche (oder Die Heilige Jungfrau in der Kirche) ist ein kleines Ölgemälde des frühniederländischen Malers Jan van Eyck. "Sie ist herrlicher als die Sonne und übertrifft alle Sternenbilder. Verglichen mit dem Licht hat sie den Vorrang" lautet die übersetzte Inschrift auf dem Mantelsaum Marias, die das apokryphe Buch der Weisheit 7,29 des Alten Testaments zitiert. Übergroß und wie schwebend erscheinen die Gottesmutter und ihr Kind im Hauptschiff einer lichtdurchfluteten gotischen Kathedrale. Alles strahlt, glüht, funkelt und glitzert wie Edelstein: Mit einzigartiger Kunstfertigkeit gelingt es Jan van Eyck, seinen Farben eine so intensive Leuchtkraft zu verleihen, dass das gesamte Bildtäfelchen in beispielloser Brillanz erstrahlt Licht, zugleich Gottessymbol und Sinnbild der Jungfrau Maria, hat heraus-ragende Bedeutung. Doch es ist kein Sonnenlicht, das hier erstrahlt, denn bei der üblichen Ausrichtung des Kirchenchores nach Osten ist dieses von Norden kommende Licht das göttliche Licht, das ewige Licht. Das Göttliche ist präsent und Maria mit dem Kind sind eine in göttliches Licht getauchte Vision. Realität und Sphärisches sind kaum zu unterscheiden. Im Rücken Marias rahmen zwei brennende Kerzen eine Marienskulptur, die wie ein Abbild der in der Kathedrale stehenden Maria wirkt. Weit oben im Chorraum schwebend wacht schützend über bunt gewandeten Engeln ein Kruzifix. Skulptur wird Vision: Jesus, vorne als Baby in den schützenden Armen seiner Mutter, sieht seinen Opfertod voraus. Auch das Gemälde öffnet dem Betrachter den Blick in eine ferne Welt, gleichzeitig wirklichkeitsnah und doch der Wirklichkeit entrückt. Erwin Panofsky nannte es eine Betrachtung wie durch ein Mikroskop und Teleskop zugleich.

Atem hat in allen Weltkulturen und Religionen eine herausragende Stellung, denn Atem ist die Bewegung des Lebens, ohne Atmung existiert kein Lebewesen. Atmen kann auch zugleich Geist, Gottes Geist, bedeuten. Diese göttliche Dualität Atem-Geist heißt im Hinduismus Atman oder Prana, im Buddhismus Citta, im Taoismus steht die Lebensenergie Qi dafür, im Hebräischen der Gotteswind Ruach, und Ruh im Islam. Für die antiken griechischen Philosophen und Mediziner war Atem und Geist Pneuma. Man hat in der vorsokratischen Philosophie, aber auch bei Aristoteles Hinweise darauf, dass Pneuma etwas Göttliches ist, etwas Feineres als die Luft, die wir einatmen. Es kommt eine spezielle Substanz hinzu, es wird mit dem Element der Himmelskörper verbunden. Pneuma galt den Griechen als Stoff, um uns mit Intelligenz und dem Bewusstsein des Höheren, Göttlichen, Rationalen, des Geistigen auszustatten. Zu Bedenken ist aber auch, dass der Begriff Geist ein uneinheitlich verwendeter Begriff der Philosophie, Theologie, Psychologie und Alltagssprache ist.

Die Athemtherapeutin Claudia Reinhardt wird Ihren Vortrag über ATEM und GEIST über das Bild der 'Madonna in der Kirche' von Jan van Eycks halten. Dieses kleinformatige Gemälde ist so 'groß' in der Darstellung der vertikalen menschlichen Atemdimension hin zum Numinosen und Göttlichen und suggeriert dadurch im Auge des Betrachters die gleichzeitige Anwesenheit von Geist-Aura und Atem-Raum der Madonna. Von diesem Bild ausgehend werden die Zuhörer anschließend die menschlichen Atemräume in ihren unterschiedlichen Qualitäten übend erfahren und auf ihre innere Verbundenheit mit dem Geist aufmerksam zu werden. Wenn Eugen Rosenstock-Huessy in einem Buch vom dem Atem des Geistes spricht, meint er damit eine Lebensstiftende Rede, also einen Atem, der zu Sprache geworden neues Leben begeistern kann. Claudia Reinhard wird genau diese Verschränkung von Atem, Sprache und Geist zum Thema machen. Atem ist zuerst einmal Lebenskraft, die uns physiologisch befähigt, alle inneren Lebensprozesse zu nähren, anstatt an Atemnot zu ersticken. Atem ist Bewegung. Atem ist rhythmisch. In seinem Atem drückt sich der Mensch aus, d.h. die eigene Atembewegung spiegelt sein In-der-Welt-Sein. Der Atem reguliert sich spontan vegetativ und braucht keinerlei Willenseinsatz, aber gerade dieser ursprüngliche Atem ist zivilisatorisch enorm gefährdet in seiner Authentizität sowie in seiner Geist-Anbindung: da alle Eindrücke, die ein Mensch aufnimmt, also auch einatmet, den Atem-Rhythmus und die Atem-Intensität verändern. Thema des Vortrags wird es auch sein, wie wir als Menschen übend unseren ATEM kultivieren können, um überhaupt (wieder) Zugang zu finden zu dem 'heißen feurigen Atem des Geistes' (Rosenstock-Huessy).